Die deutsche Industrie produziert deutlich teurer als ihre internationale Konkurrenz und verliert dadurch trotz hoher Produktivität an Wettbewerbsfähigkeit. Laut einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) lagen die Lohnstückkosten 2024 um 22 Prozent über dem Schnitt von 27 Industriestaaten. Nur Lettland, Estland und Kroatien sind noch teurer.
Die Lohnstückkosten, die das Verhältnis von Arbeitskosten zur Produktivität widerspiegeln, verdeutlichen das Problem. Deutsche Unternehmen müssen für jede produzierte Einheit gut ein Fünftel mehr für Löhne und Gehälter zahlen als der internationale Durchschnitt. Deutschland belegt bei den Arbeitskosten den dritten Platz – nur in Dänemark und Belgien sind die industriellen Löhne noch höher.
Besonders die außereuropäische Konkurrenz produziert deutlich kostengünstiger. Japan kann mit 24 Prozent und die USA sogar mit 32 Prozent niedrigeren Lohnstückkosten um industrielle Aufträge konkurrieren. Selbst das Euro-Ausland liegt um 13 Prozent unter den deutschen Werten.
Die USA zeigen dabei ein anderes Muster: Dort sind die Arbeitskosten zwei Prozent niedriger als in Deutschland, die Produktivität aber 44 Prozent höher. Deutschland erreicht zwar noch Platz sieben bei der Produktivität weltweit, doch das reicht nicht mehr aus, um die hohen Kostennachteile zu kompensieren.
Seit 2018 entwickeln sich die deutschen Lohnstückkosten mit 18 Prozent zwar langsamer als im Ausland mit 20 Prozent. Gleichzeitig schrumpfte jedoch die Bruttowertschöpfung in Deutschland um drei Prozent, während sie in anderen Ländern um durchschnittlich sechs Prozent wuchs. Deutsche Industriefirmen konnten trotz unterdurchschnittlicher Preisentwicklung weniger Produkte absetzen.
Viele deutsche Unternehmen haben ihren Technologievorsprung insbesondere gegenüber der chinesischen Konkurrenz verloren und können deshalb seltener die Preise diktieren. Die hohen Standortkosten werden dadurch zum entscheidenden Nachteil. „Made in China 2025“, Chinas industriepolitische Strategie zur Technologieführerschaft, zeigt bereits Erfolge in den traditionellen deutschen Stärkegebieten.
“Der Fachkräftemangel treibt die Löhne weiter nach oben, die Kosten am Standort Deutschland dürften in den kommenden Jahren weiter steigen”, warnt IW-Ökonom Christoph Schröder. Die Bundesregierung könne helfen, indem sie das Wachstum bei den Lohnnebenkosten bremse und auf die demografische Herausforderung reagiere. “Ohne eine Reform der Sozialsysteme rutscht der Standort Schritt für Schritt in die Deindustrialisierung”, so Schröders Diagnose.